Was wäre wenn…

Papa hat eine alte Freundin. Sie heißt Martha. Martha ist nicht wirklich alt, jedenfalls nicht älter als Papa, aber sie ist seit Jahren schon seine Freundin. Sogar schon länger, als er Mama kennt. Martha kommt uns nicht oft besuchen – ein Mal im Jahr vielleicht, aber das reicht auch völlig, finde ich. Wenn sie uns besucht, kommt sie immer ohne ihren Mann Herbert, bleibt immer übers Wochenende und schläft dann auch immer im Arbeitszimmer auf der Couch.

„Diese ganzen Geschichten von damals sind doch einfach herrlich!“, ruft sie jedes Mal, wenn wir beim Abendbrot zusammen sitzen und sie eine Anekdote erzählt, wie Papa diese Art von Geschichten nennt. Vorher fragt sie mich natürlich noch über meine Schule aus und was wir in der zweiten Klasse so lernen. Martha hat eine ziemlich laute Stimme.
„Komm, Tommi“, nun ist Papa dran, „erzähl doch noch mal die Sache mit dem Thunfisch – Tränen hab ich gelacht!“
Mein Papa heißt Thomas. Keiner sagt Tommi zu ihm sonst. Nur Martha.
„Oh je, bitte nicht schon wieder!“, lacht er. Papa lässt sich gern bitten. „Das habe ich doch fast schon vergessen, zum Glück!“, witzelt er.
Ich nicht. Die Anekdote vom Thunfisch habe ich bestimmt schon fünf mal gehört. Mindestens.

„Die Dose hatte ewig auf dem Fensterbrett in der Speisekammer gelegen“, setzt Papa nun also wunschgemäß an, „und bei den sommerlichen Temperaturen – wir hatten schließlich Juli – war es ein Wunder, dass das Ding nicht schon viel eher explodiert ist!“
Martha wiehert nun fast vor lachen.
„Explodiert!“, keucht sie, nun geht ihr die Luft gleich aus.
Ich beobachte Martha aus dem Augenwinkel. Sie schnauft vergnügt.
„Einfach herrlich! Und die Schweinerei erst, die der Thunfisch in unserer Küche hinterlassen hat, weißt du noch, Tommi? Alles triefte von dieser roten Soße – mit Zwiebelringen!! Brrrr! Und erst der Gestank!!“

„Jaaa…!“ Papa ist jetzt auch ziemlich aus der Puste. „Du meine Güte! Wir mussten echt die gesamte Küche nochmal streichen.“ Er guckt belustigt zu Mama, die sich darüber auch amüsiert. „Dabei war es gerade mal 2 Monate her, dass Martha und ich da eingezogen waren, alles war gerade frisch renoviert.“

Ich bin verwirrt. „Du hast da mit Martha gewohnt?“, frage ich Papa. Das höre ich nun zum ersten Mal. „Wo war denn da Mama?“
Martha lacht schon wieder. „Ach Schätzchen, deine Mama gab‘s da doch noch gar nicht. Jedenfalls nicht für Tommi.“
Ich atme tief durch. Papa ohne Mama kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich gucke Mama an, die auch gleich eine Erklärung abgibt, als sei das alles ihre Schuld.
„Damals hab ich doch noch in Brüssel gearbeitet. Weißt du doch.“
Kein Grund für Papa, gleich mit Martha zusammen zu ziehen, denke ich und merke, wie mir was gewaltig in den Magen kneift. Außerdem kann ich es nicht leiden, wenn man ‚Schätzchen‘ zu mir sagt.
„Martha kenne ich schon seit der Schule“, erklärt Papa und Martha ergänzt:
„Ganze 3 Jahre haben wir zusammen gewohnt. TROTZ der Schweinerei mit dem Thunfisch!“
Alle lachen wieder. Außer mir.
„Und wenn ich nicht Herbert kennen gelernt hätte, wer weiß…“.

Marthas letzten Worte hängen noch in meinem Kopf, als ich aufstehe und ins Bad gehe, Zähne putzen. „Wer weiß….“ – ja, wer weiß? Plötzlich bin ich ganz aufgewühlt. Wenn Martha nicht Herbert kennen gelernt hätte, ja was dann? Dann würde Martha jetzt nicht mit Herbert zusammen wohnen. Soweit logisch. Ich gucke mich mit erschrockenen Augen im Spiegel an. Dann wäre Martha jetzt wahrscheinlich – ich traue mich kaum, weiter zu denken. Wenn Martha mit Papa weiter zusammen gewohnt hätte, also da wo der Thunfisch explodiert ist meine ich, dann wäre Papa immer noch mein Papa, oder nicht? Und Martha ….?? Also nein, ich konnte mir das alles überhaupt gar nicht vorstellen. Und Mama, wo wäre dann Mama?? Das würde doch so gar nicht gehen.

Oder doch?

Mit Karacho spucke ich die Zahnpasta aus. Kleine weiße Bläschen schweben lustig über dem Waschbecken. Aber zum Lachen ist mir gar nicht zumute. Ohne Gute Nacht zu sagen, gehe ich in mein Zimmer und mache direkt hinter mir die Tür zu. Heute habe ich keine Lust mehr, zu lesen oder noch mein Globus Tierquartett Nummer 3 zu spielen. Durch‘s halbdunkle Zimmer gehe ich ins Bett. Marthas Lachen tönt hell hinter der Tür. Ist das nun Glück, überlege ich, dass Martha ihren Herbert getroffen hat und Papa zu Mama ziehen konnte? Das alles ist einfach nur verwirrend. Sauer bin ich auch. Auf Martha. Obwohl ich ihr doch dankbar sein müsste, dass sie nicht Papa, sondern Herbert geheiratet hat.

Leise öffnet sich die Tür, ein schmaler Lichtstrahl fällt auf meine Bettdecke. Mamas Wuschelhaare erkenne ich sofort und bin froh, dass sie es ist.
„Alles gut bei dir?“, fragt sie mich. Ich grummle. Mein Bauch fühlt sich an wie ein eckiger Stein.
„Geht so“, nuschel ich in meine Decke. Mama setzt sich auf die Bettkante.
„Ist was mit Martha?“, fragt sie mich dann gerade heraus. Peng. Tor. Wie sie das immer macht!
„Martha nervt!“, sage ich entschlossen. „Was Papa an der findet, verstehe ich überhaupt nicht.“ Ich warte auf eine Antwort, aber Mama sagt nichts. Jetzt platze ich gleich.
„Wenn Martha nun nicht diesen Herbert genommen hätte, sondern Papa – also bei Papa geblieben wäre meine ich, so richtig – weißt du was ich meine? Also wenn Papa und Martha zusammen wohnen würden, also auch jetzt noch….“ In mir wirbeln alle Wörter durcheinander und lassen sich nicht in eine Reihe bringen. Ich schmeiße Bibo, meinen Pinguin, aus dem Bett.
„Dann??“, fragt Mama ganz unbekümmert und schiebt ihren Kopf nach vorn. Na super, hat sie denn gar nichts verstanden?
„Dann“, setze ich wieder an und hole tief Luft, „na dann, wo wärst du denn dann heute – und ICH?? Verstehst du nicht, Mensch Mama! Dann wäre doch jetzt Martha meine Mutter und nicht du, Martha wäre das. Oder noch schlimmer: Mich würde es gar nicht erst geben! Und dich würde ich dann auch nicht kennen und…“
Jetzt pustet mir Mama kräftig die Haare aus der Stirn und legt mir die Hände an die Schläfen. „Martha“, sagt sie ganz ruhig, „könnte nie, niemals ich sein. Martha ist Martha. Und wenn Martha ein Kind bekäme, könnte das ja auch nie, niemals du sein, guck mal – das geht ja gar nicht. Es wäre dann ein anderes Kind. Marthas Kind. Jeder hat SEINEN Platz.“

Plötzlich wird mir alles klar. Ja. Natürlich.
Wieso war das denn gerade so durcheinander? Ich bin ja einmalig, das sagt Papa auch immer. Und wer einmalig ist, KANN ja nicht auch jemand anders sein oder woanders, sondern nur er selbst. An seinem Platz. Basta.

Da fällt mir Jacob ein. „Aber Jacob“, sage ich nun zögerlich, „der wohnt bei seinem Papa und manchmal ja auch bei seiner Mama und Paul, also ihrem Freund, weißt schon, den kennst du ja. Also und wie ist es da? Ich meine…“, ich überlege, „hat er dort auch seinen Platz?“
„Natürlich“, sagt Mama als wäre es die einfachste Sache von der Welt, „dort ist auch sein Platz, bei seiner Mama und Paul – oder wie heißt er? – genauso wie bei seinem Papa. Das ist ja beides Jacobs Familie.“
Ich bin erleichtert. Genau, jetzt habe ich es glaub ich kapiert.

In dem Moment steckt Martha den Kopf durch die Tür. „Hey, wollte dir nur kurz Gute Nacht sagen. Guck mal, ich hab dir das Globus Quartett Nummer 4 mitgebracht, weißt du noch? Das fehlte dir doch noch in deiner Sammlung“.
Plötzlich muss ich grinsen. Stimmt. Dass sie sich das gemerkt hat…
„Danke, Martha.“ Sie lächelt auch und schließt wieder die Tür.
„Ich finde Martha ist doch manchmal irgendwie ganz ok“, sage ich zu Mama.
„Irgendwie ja“, Mama knufft mich in die Seite. „hat  ja auch niemand etwas anderes behauptet, stimmt‘s?“
Wir schweigen einen Moment. Und noch bevor ich etwas antworten kann, fallen mir die Augen zu.